Epidemien und Pandemien in den Schweizer Medien

Seit Anfang Jahr beschäftigt sich die Öffentlichkeit zunehmend intensiv mit der Ausbreitung des Zika-Virus in Lateinamerika. Am 1. Februar erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO den „Öffentlichen Gesundheitsnotstand internationalen Ausmasses“ und warnte damit vor einer Pandemie.

Die Berichterstattung über diese jüngste Epidemie gehört momentan zu den 20 bedeutendsten Themen in den Schweizer Leitmedien. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das Medienecho für Epidemien und Pandemien seit der Jahrtausendwende unterschiedlich gross ausfiel. Während über HIV kontinuierlich berichtet wurde, war die Thematisierung von SARS und anderen Krankheiten punktuell sehr intensiv.

Konstante Berichterstattung über HIV

Analysiert man die mediale Resonanz von Pandemien und Epidemien in diesem Jahrtausend, so zeigt sich, dass nur über den HI-Virus durchgehend berichtet wurde, wobei die Aufmerksamkeit für die in den 1980er Jahren entstandene Thematik die letzten Jahre leicht zurückgegangen ist. Daneben haben in der Vergangenheit insbesondere vier Pandemien und Epidemien phasenweise sehr grosse Medienresonanz erzielt: SARS (2003), die Vogelgrippe (2005 und 2006), die Schweinegrippe (2009) und die Ebola-Epidemie (2014 und 2015). Über EHEC, Chikungunya-Fieber und Cholera in Haiti wurde dagegen vergleichsweise selten berichtet.

 

Die erste Pandemie des neuen Jahrtausends: SARS

Die Infektionskrankheit SARS wurde Ende 2002 erstmals in China beobachtet. Bevor die WHO im März 2003 noch davon ausging, dass die Verbreitung der Krankheit ihren Höhepunkt zumindest in der Ursprungsregion überschritten habe (vgl. NZZ, 28. März 2003, S. 60), folgte Anfang April der erste Verdachtsfall in der Schweiz. Die Boulevardzeitung Blick titelte dazu: «Sars-Alarm in der Schweiz! Müssen auch wir bald Schutzmasken tragen?» (3. April 2003, S. 7).  Der ersten Pandemie des Jahrtausends fielen rund 1000 Menschen zum Opfer. Am 19. Mai 2004 erklärte die WHO SARS als besiegt. Über alle darauf folgenden Pandemien oder Epidemien wurde weniger intensiv berichtet.

 

Panik vor der Vogelgrippe

Ab 2004, und insbesondere in den Jahren 2005 und 2006, sorgte die Infizierung von Vögeln mit dem H5N1-Virus für sehr umfangreiche Medienberichterstattung. Die drohende Gefahr bestand darin, dass infizierte Wildvögel den Erreger auf Hausgeflügel übertragen. In diesen Fällen konnte das Virus binnen kurzer Zeit zu einer hochgefährlichen Form mutieren, wobei dann von der Geflügelpest oder umgangssprachlich der Vogelgrippe gesprochen wurde. Nur in Einzelfällen sind die Viren auch auf Menschen übertragen worden. Bis heute geht die WHO von weltweit rund 450 Todesfällen – grossmehrheitlich in Asien – aus, welche auf eine Vogelgrippe- bzw. eine H5N1-Infektion zurückgeführt werden können.

 

«Besorgen Sie sich Tamiflu!»

Auch in der Schweiz war die Angst vor der Übertragung des Virus auf den Menschen gross. Der Blick erfasste die öffentliche Panik beispielsweise mit der Schlagzeile «250‘000 Killer-Enten im Anflug» (19. August 2005, S. 10) und auch die NZZ titelte «Warten auf dem Pulverfass» (4. Januar 2005, S.15). Frühzeitig wurde aufgerüstet. Ein Pandemieplan wurde entwickelt und das Anlegen grosser Vorräte des Grippemittels Tamiflu in die Wege geleitet. Die Berichterstattung über die Wirksamkeit, mögliche Lieferengpässe und nicht zuletzt die hohen Gewinne, die der Hersteller Roche damit erzielte, fiel sehr umfangreich aus.

Auf die Vogelgrippe folgte die Schweinegrippe, welche im April 2009 erstmals in Mexiko aufgetreten war. Anders als beim Vogelgrippevirus infizierten sich auch viele Menschen mit dem H1N1-Virus, worauf die WHO Ende April 2009 vor einer weltweiten Pandemie warnte. «Gehen Sie zum Arzt und besorgen Sie sich Tamiflu!» liess sich Beda Stadler, ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Uni Bern, danach im Blick zitieren (28. April 2009, S. 4). Daraus Profit schlug erneut insbesondere Tamiflu-Hersteller Roche. Die Phase der Pandemie wurde im August 2010 für beendet erklärt.

 

«Killer-Keim» EHEC  

Die insbesondere in Deutschland epidemische Ausbreitung des EHEC-Bakteriums, Auslöser einer unter Umständen tödlichen Darmerkrankung, hat im Jahr 2011 für Angst und Schrecken gesorgt. Der Ursprung des «Killer-Keims» (Blick, 25. Mai 2011, S. 12) wurde der Reihe nach beim Bio-Gemüse, bei Spanischen Salatgurken und bei Sojasprossen vermutet. Die Berichterstattungsintensität war allerdings vergleichsweise gering.

 

Weltweite Betroffenheit über Ebola-Ausbreitung

Mit dem Ebola-Fieber sorgte letztmals in den Jahren 2014 und 2015 eine Epidemie für grosse mediale Aufmerksamkeit und öffentliche Betroffenheit. Weil der Erreger der Krankheit, der mehrere westafrikanische Länder erfasste, bereits durch Körperkontakt übertragen werden kann, wurde lange Zeit eine dramatische Ausbreitung der Epidemie befürchtet. Anfang 2016 wurde sie dann allerdings offiziell als beendet erklärt.

 

Methodische Anmerkung: Die Grundgesamtheit der Analyse besteht aus allen Beiträgen der Zeitungen Blick, Tages-Anzeiger und NZZ im Zeitraum vom 1. Januar 2000 bis zum 20. März 2016. Für jede Epidemie/Pandemie wurde die Beitragszahl per Stichwortsuche ermittelt. Abgebildet werden die Beitragszahlen je Epidemie/Pandemie in jenen Jahren, in denen laut WHO entweder die Gefahr einer epidemischen/pandemischen Ausbreitung der Krankheiten bestand oder diese tatsächlich eingetreten war.