Vertiefungsanalyse Digitalisierung

Die Digitalisierung als Megatrend steht in der Schweizer Medienlandschaft seit 3 Jahren unter permanenter Beobachtung. Im Jahr 2017 gehörte das Thema zu den wichtigsten 20 Themen der Fög-Jahresagenda. Die Resonanz zu Themen wie der Entwicklung von Computern oder künstlicher Intelligenz hat sich historisch wellenartig bewegt. Die Datenlage deutet darauf hin, dass seit 2015 für das Thema Digitalisierung eine solche Aufmerksamkeitswelle angerollt ist. Wichtigste Akteure im Diskurs sind grosse Technologieunternehmen, wissenschaftliche Institutionen sowie arbeitsmarktpolitische Akteure.

Megatrend Digitalisierung?

Ende 2017 hat die Resonanz um das Thema Digitalisierung einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Aussicht auf Durchbrüche von künstlicher Intelligenz und Robotertechnologie hat für viele Medienberichte gesorgt. Das Thema erhält für einen Bereich, über den eher reflexiv und nicht ereignisgebunden berichtet wird, sehr viel Aufmerksamkeit.

Bei der Berichterstattung über die Trends im Bereich Digitalisierung und künstliche Intelligenz hat sich in der Vergangenheit oft eine wellenartige Aufmerksamkeitsstruktur gezeigt. Nick Bostrom stellt die These auf, dass sich seit dem Aufkommen von Computern in den 1940er Jahren immer wieder eine hohe Erwartungshaltung auf einen baldigen totalen Durchbruch der künstlichen Intelligenz aufbäumt, die dann postwendend wieder enttäuscht wird. Daraufhin verschwindet das Thema für einige Jahre oder sogar Jahrzehnte wieder weitgehend aus der Öffentlichkeit (vgl. Bostrom 2014). Die Resonanzkurse verläuft also in der Regel wellenartig. Der Diskurs über die Digitalisierung in den Schweizer Medien zeigt Anzeichen dafür, dass er sich in das Schema einreiht. Ab 2015 beginnt die Resonanz zu dem Thema anzusteigen (vgl. Grafik oben). In der Öffentlichkeit hat sich in der Folge eine starke Erwartungshaltung gegenüber den technologischen Möglichkeiten entwickelt, die sich im Zuge der Digitalisierung eröffnen. Das Thema wird als der Megatrend unserer Zeit eingeordnet. «Droht der Schweiz die «Robokalypse»?» fragt beispielsweise die NZZ (5.10.17, S.28). «Roboter» ist seit 2011 auch der medienübergreifend meistgenannte Begriff (3108 Nennungen) im Digitalisierungsdiskurs. «Industrie 4.0», «Künstliche Intelligenz» oder «Automatisierung» sind weitere Schlagworte in der Berichterstattung. Uneinig ist man sich momentan über die Folgen, welche die Digitalisierung für die Gesellschaft und insbesondere den Arbeitsmarkt hat. .

Prägende Akteure aus drei Sphären

Die Messungen zu den Akteuren im Digitalisierungsdiskurs zeigen, dass über das Thema vielseitig berichtet wird. Betrachtet man die wichtigsten Akteure, so stehen drei Bereiche im Zentrum: Der wirtschaftlich-technologische, der wissenschaftliche und der politische Bereich.

  1. Die wichtigsten Akteure sind Unternehmen der Techbranche. Facebook, Apple und insbesondere Google nehmen eine dominante Stellung ein. Das Thema ist eng mit diesen Konzernen verwoben. Mit der Entwicklung neuer Produkte sind sie in der Debatte um Digitalisierung die am meisten sichtbaren Akteure. Sie sind es, die mit spektakulären neuen Anwendungen von Algorithmen, Robotern und künstlicher Intelligenz viel Berichterstattung auslösen. Ihre schiere Grösse und Marktmacht erlaubt es ihnen auch, durch die eigene Kommunikation sehr viel Publikum zu erreichen. Klassische Medienhäuser kommen in der Folge nicht darum herum, die neuesten Trends gleichermassen aufzugreifen. Die Deutungshoheit verbleibt aber in vielen Fällen bei den Unternehmen. Ihr technologisches Know-how bewirkt, dass sie als Quellen für JournalistInnen bis zu einem gewissen Grad alternativlos sind.
  2. Die zweite Ebene der Debatte ist die Forschungsebene. Sie ist mit der ersten Ebene verbunden, fokussiert aber stärker auf die Grundlagenforschung. Dies zeigt sich an den Forschungsinstitutionen, welche in der Debatte eine wichtige Rolle spielen. Die Eidgenössischen Schweizerischen Hochschulen in Zürich und Lausanne ragen in Sachen Aufmerksamkeit hervor. Sie geniessen eine ausgezeichneten Ruf, sodass sie den Schweizer Medien mit ihrer Expertise immer wieder als Referenzpunkt dienen. Auch andere Hochschulen sind wichtige Akteure zum Thema Digitalisierung. Es wird einerseits über technologische Fortschritte berichtet, die dank Forschung an Hochschulen erreicht wurden. Anderseits wird auch auf universitäre Forschung zurückgegriffen wenn es darum geht, die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung einzuschätzen. Bekanntestes Beispiel ist hier die Studie «The Future of Employment» der Universität Oxford (Frey/Osborne, 2013), die bis heute ein Referenzpunkt aller Forschung über die Folgen der Digitalisierung darstellt.
  3. Die Debatte um Digitalisierung hat auch einen politischen Aspekt, der im Moment allerdings noch niederschwellig thematisiert wird. Sie steht in Verbindung mit der Arbeitsmarktpolitik. Die SP und die FDP sind die beiden Parteien, die am häufigsten Stellung in der Debatte beziehen. Die beiden Parteien haben ein ausgepägtes Interessen für Arbeitsmarktthemen. Dazu passend taucht bei den wichtigsten Akteuren in der Berichtestattung der Schweizerische Gewerkschaftsbund auf. Das zeigt, dass darum gestritten wird, was die «Industrie 4.0» für Folgen auf dem Arbeitsmarkt haben wird und wie die Politik damit umgehen sollte.

 

Möglicher Wechsel des Themenfokus in Zukunft?

Die Berichterstattung über die Möglichkeiten neuer digitaler Technologien deutet darauf hin, dass sich die Aufmerksamkeitswelle zum Thema Digitalisierung erst am Anfang befindet. Das Framing ist überwiegend ein positives. Im Vordergrund stehen die Chancen, die sich durch die technologischen Möglichkeiten auftun. Dass die Digitalisierung auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben könnte, wird zwar thematisiert, steht aber noch nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Es wäre denkbar, dass sich der Themenfokus mittelfristig mehr zu den Problemen verlagert, die die Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt verursacht. Gemäss der These der wellenartigen Entwicklung der Aufmerksamkeit (vgl. erster Abschnitt), wäre dies die Phase, in der die aufgebaute Erwartungshaltung enttäuscht wird und eine gewisse Ernüchterung folgt. Die Dysfunktionalität der technologischen Entwicklungen könnte bewirken, dass die Öffentlichkeit den Blick vermehrt auf die Politik richtet. Sie ist es letztlich, von der die Lösung von Problemen erwartet wird. Gleichzeitig ist höchst unsicher, ob die Deutungshoheit der grossen Tech-Konzerne auch langfristig anhält. Wenn das Thema Digitalisierung durch die verursachten gesellschaftlichen Probleme in die politische Sphäre gerissen wird, dürfte auch die Euphorie um Google, Facebook, Apple und co. verfliegen. Der Skandal um Facebook und Cambridge Analytica zeigt beispielhaft, wie ein Unternehmen in die Defensive geraten kann und der Ruf nach politischer Regulierung laut wird.

Sicher ist, dass über zukünftige Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft noch viel Unsicherheit besteht. Die Entwicklung der öffentlichen Wahrnehmung ist natürlich nicht zuletzt abhängig davon, wie die technologische Entwicklung voranschreitet und wie sie sich in der Gesellschaft tatsächlich auswirkt. Die hohe Resonanz zeigt jedoch ganz eindeutig, dass das Thema Digitalisierung in der gegenwärtigen Öffentlichkeit sehr wichtig ist und nicht so bald wieder verschwinden wird.