Liechtenstein im Wahlkampf: (Wie zur) Ära der Parteipresse!

Anfang Februar fanden im Fürstentum Liechtenstein die Landtagswahlen statt. Aus öffentlichkeitssoziologischer Sicht lohnt sich ein Blick auf die Wahlberichterstattung in den beiden grossen liechtensteinischen Zeitungen Vaterland und Volksblatt:

Während in der Schweiz die Ära der Parteipresse sich seit den 1970er Jahren zu Ende neigte, weist die liechtensteinische Medienarena im Rahmen der Berichterstattung zu den Landtagswahlen noch jene spezifischen Merkmale auf, welche die klassische Parteipresse charakterisiert; dies belegt eine Analyse der Frontseiten von Vaterland und Volksblatt:

Parteipolitische Ausrichtung der beiden Medien:
Die nach wie vor bestehende ideologisch-politische Nähe der beiden liechtensteinischen Medien zu den zwei grossen Parteien des Fürstentums (Vaterländische Union VU und Fortschrittliche Bürgerpartei FBP) widerspiegelt sich in einer diametral entgegengesetzten Bewertung eben dieser Parteien. Im Vaterland (die VU hält nach wie vor die Aktionärsmehrheit an dieser Zeitung), wird die VU insgesamt sehr positiv bewertet, während die FBP überwiegend Kritik einstecken muss. Ein umgekehrtes Bild präsentiert sich im Volksblatt: Von allen untersuchten Akteuren erfährt hier die FBP, zu der das Volksblatt seiner Selbstbeschreibung zufolge in einem „Naheverhältnis“ steht, die positivste Bewertung während bezüglich VU eine klar negative Sichtweise dominiert.
Wechselseitige Meinungsresonanz:
Neben der eindeutigen Parteipräferenz zeigt sich zudem im direkten publizistischen Konflikt der beiden Zeitungen ein weiteres Merkmal der klassischen Parteipresse. In beiden Medien finden sich auf den Frontseite explizite Bezüge zur anderen Zeitung – mit einer jeweils deutlich negativen Bewertungstonalität für den publizistischen Kontrahenten. Vaterland und Volksblatt führen für ihre bevorzugten politisch-ideologischen Lager einen stellvertretenden, redaktionellen Meinungskampf: Die in einer Zeitung geäusserten Ansichten werden dabei vom anderen Medium zum Anlass genommen, um die eigenen Argumente in Anschlag zu bringen und jene des gegnerischen Blattes zu bekämpfen (vgl. Zitate-Box rechts).
Geringe Resonanz anderer Akteure:
Unter Bedingungen der Parteipresse haben es politische Akteure ausserhalb des unmittelbaren Freund-Feind-Schemas ungleich schwerer, öffentliche Resonanz zu erhalten. Im Falle des Fürstentums Liechtenstein manifestiert sich dies in einer deutlich geringeren Resonanz der aufstrebenden neuen Parteien (DU – Die Unabhängigen und Freie Liste) gegenüber VU und FBP.
Zoom (PNG, 96 KB)
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Lesehilfe: Die Abbildungen zeigen, in wie vielen Artikeln der jeweilige Akteur in der Wahlberichterstattung auf der Frontseite des entsprechenden Mediums genannt wurde (Resonanz=blaue Balken). Zudem ist die Bewertung des Akteurs ausgewiesen (Tonalität=rote Balken); die Tonalität kann dabei einen Wert zwischen maximal +100 (nur positive Bewertungen) und minimal -100 (nur negative Bewertungen) annehmen. Bsp.: Auf den Frontseiten des Volksblattes wird das Vaterland in sechs Artikeln thematisiert und dabei ausschliesslich negativ bewertet (Tonalität: -100).

Diese Kurzanalyse wurde auch auf Medienspiegel.ch veröffentlicht und kann dort kommentiert werden.