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Willkommen am fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft

Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz

Die Wirtschaftsberichterstattung nimmt in der Schweiz vor dem Hintergrund des starken Finanz- und Wirtschaftsstandortes eine zentrale Rolle ein. Obwohl wirtschaftliche Themen einen etablierten Bereich in General-Interest-Medien darstellen, ist ihr Anteil seit 2015 leicht rückläufig. So befassten sich 2021 16% der Beiträge in Schweizer Informationsmedien mit Wirtschaftsthemen (2015: 19%). Die Folgen der Medienkonzentration sind im Wirtschaftsjournalismus doppelt spürbar: mit dem sinkenden Output geht eine Zunahme an geteilten, inhaltlich gleichen Beiträgen einher. Inwiefern sich das auch auf Qualitätsaspekte auswirkt, untersucht das fög in einer aktuellen Studie. Daniel Vogler, Forschungsleiter des fög, hat an einer gemeinsamen Veranstaltung des Stiftervereins Medienqualität Schweiz und Swiss Re Ende Juni erste Befunde präsentiert.

Inhaltliche Medienkonzentration
Der Medienbesitz ist in der Schweiz stark konzentriert. Die Anzahl Medientitel ist zwar verhältnismässig stabil, auf regionaler Ebene führen grosse Medienhäuser aber Kopfblätter, welche viele Artikel untereinander teilen. Dadurch sinkt die inhaltliche Vielfalt, die sich empirisch ermitteln lässt. Zwischen 2017 und 2020 ist die Anzahl der geteilten Beiträge im Bereich Wirtschaft von 10% auf 25% gestiegen. Die inhaltliche Medienkonzentration führt also zu einer verminderten inhaltlichen Vielfalt in der Wirtschaftsberichterstattung, was für das Wirtschaftssystem und die Unternehmen problematisch ist. So besteht die Gefahr, dass regionale Perspektiven zu wenig berücksichtigt werden, während einzelne Stimmen oder Meinungen ein starkes Gewicht erhalten.

Wirtschaftsjournalismus Grafik

Tiefe Emotionalisierung, steigende Einordnung
Für den Wirtschaftsjournalismus stellt sich die Frage, wie sich die inhaltliche Konzentration auf die Qualität der Berichterstattung auswirkt. Im Vergleich mit anderen Themenbereichen wie Kultur oder Politik ist die Wirtschaftsberichterstattung am wenigsten emotionalisiert und personalisiert, das heisst der Anteil an sachlich-nüchterner Berichterstattung ist verhältnismässig hoch und der Fokus auf einzelne Persönlichkeiten vergleichsweise gering. Allerdings zeigen sich hinsichtlich der Emotionalität der Wirtschaftsbeiträge deutliche Unterschiede zwischen den Medientypen. Boulevardmedien sowie Online-Pure-Medien bereiten wirtschaftliche Themen überdurchschnittlich häufig emotional auf. Der Anteil an Beiträgen, die komplexe Informationen zu Wirtschaftsthemen einordnen, hat seit 2015 stetig abgenommen, ist aber im Jahr 2021 wieder deutlich angestiegen. Das ist ein positiver Befund, da die Einordnung von Wirtschaftsthemen in einen breiteren Kontext wichtig ist, um Wissen zu Wirtschaft auch an Bevölkerungsgruppen zu vermitteln, die dafür keine hohe Affinität aufweisen. 

Thematischer Fokus der Wirtschaftsberichterstattung

Wirtschaftsjournalismus Grafik2

Der grösste Anteil der Berichterstattung zur Wirtschaft geht über alle Medientypen hinweg auf betriebswirtschaftliche Themen, also Berichterstattung über Unternehmen, Produkte, Dienstleistungen, Aktienkurse oder Anlegertipps zurück, welcher in den letzten Jahren zugenommen hat. Pendler- und Boulevardmedien berichten hierzu anteilsmässig am meisten. Volkswirtschaftlichen Themen inklusive Berichte über die Lage auf dem nationalen Markt und der Weltwirtschaft oder Import- und Exportgeschehen und finanz- und wirtschaftspolitischen Themen finden im Medienvergleich im öffentlichen Rundfunk und Abonnementsmedien anteilsmässig die höchste Aufmerksamkeit.  

Da Informationsmedien immer noch ein zentraler Ort sind, um sich Wissen zu Wirtschaft anzueignen, kommt einem ausgewogenen, einordnenden und faktenbasierten Wirtschaftsjournalismus eine bedeutende Rolle zu. Die Qualität der Schweizer Wirtschaftsberichterstattung gilt es im Sinne der Förderung von transparenten und fairen Märkten sowie zum Erhalt der Demokratie weiterhin zu gewährleisten und fördern.

Die vollständige Studie zu Stellenwert und Qualität der Wirtschaftsberichterstattung in Schweizer Medien von Sarah Marschlich, Nadine Strauss und Daniel Vogler erscheint im Jahrbuch Qualität der Medien 2022.

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